Holtenauer Geschichte

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Historische Texte zur Grundsteinlegung 1887

Aus der heute eher nüchternen Perspektive betrachtet wirken die historischen Texte zu den verschiedenen Feierlichkeiten anläßlich des Kanalbaus aus der Kaiserzeit befremdlich, geben aber doch ein gutes Bild von der damals herrschenden Euphorie und Aufbruchstimmung wieder. Heute wirken sie wie reine Propaganda ...

Karl Hemprich: Grundsteinlegung zum Kaiser Wilhelm-Kanal.

  1. Es war am 3. Juni 1887. Im weitgeschwungenen Bogen lagen im Hasen von Holtenau bis Kiel die starken Kriegsschiffe in machtvoller Reihe, deren letzte Glieder die Torpedobootflottille von vierzehn dieser unheimlichen schwarzen Höllenmaschinen von blitzartiger Schnelle und Behendigkeit bildete. Mit dem Schlag acht hüllten sich alle in ihren bunten herrlichen Schmuck, über die Toppen flaggend, und, wohin das Auge schaute, rückwärts und vorwärts, überall bunte, gleißende, schimmernde Farbenpracht; und kaum waren die Flaggen und Wimpel alle aufgegangen, da krachte donnernd aus den Batterien der Kaisersalut: je dreiunddreißig Schuß feuerte jedes Schiff dem obersten Kriegsherrn des Reiches zur Ehre. Aus dichter, weißer Wolke, die der frisch wehende Wind in langen Schleiern über den Hafen trieb, zuckte es wieder und wieder auf im feurigen Strahl, und Donner um Donner rollte krachend Über die aufrauschende Meeresbucht.
  2. Von Holtenau her strahlten purpurglänzend die aufragenden Stufensitze für die geladenen Gäste weithin; mitten in sie hinein und sie gleichsam durchbrechen segelte der nachgebildete Bug eines großen, dunkelgrünen, reichverzierten Schiffes, auf dessen Höhe ganz vorn eine aus Gips gebildete riesengroße goldstrahlende Germania stand, unten zu ebener Erde war unter einer von goldenen Genien gehaltenen Kaiserkrone eine Nische in den Schiffsbug hineingebaut, in welcher der rote, mit goldenen Adlern durchwirkte Thronsessel stand. Massen von Flaggenbäumen, erglänzend in Gold und farbigem Schmuck, ragten hoch auf, und von ihnen wehten schwere goldene Banner, riesenlange Wimpel, Flaggen in allen Farben des Reichs lustig aus; alles aber überragte der vollgetakelte Mast des Schiffes in seinem reichen, bunten Flaggenschmuck, der aber erst dann vollständig wurde, als plötzlich die goldene Kaiserstandarte an ihm aufging, und brausendes, immer näher kommendes Hurrarufen die Ankunft des Herrschers verkündete.
    Auf der Tribüne Purpurgrund lichte Gewandung der Damen, und seitwärts, auf den Flügeln des Schaugerüstes, die Studentenschaft mit ihren bunten, seidenen Fahnen und im großem Wichs, ein schönes farbenfrisches Bild. Unten, um den Grundstein im Viereck geschart, das offen blieb gegen den Bug des Schiffes zu, eine verwirrende Fülle von Uniformen aller Art; ein Blitzen von Gold- und Silbertressen, von Ordenssternen und Helmbeschlägen, ein Leuchten von Generalsstreifen und Ordensbändern; hier der Federhut des Ministers, dort die Schapka des Ulanenobersten; hüben der blaue Dolman des Husarenoffiziers, drüben der schwarze Talar des Geistlichen und dicht daneben der rote Frack der Ritterschaft: Glänzende Farben, glänzende Namen überall.
    — Und nun kommt der große Augenblick: Jetzt geht die Kaiserstandarte aus, und nun erscheint durch den Gang, der an der rechten Seite des Schiffspavillons entlang führt, die Gestalt des alten Kaisers, des teuren, unvergeßlichen Herrn, mild, ehrwürdig, nicht ganz aufrecht mehr, aber auch nicht zusammengesunken, langsam, aber festen Schrittes und ungestützt: so steht er da den federumwallten Helm auf dem edlen, greisen Haupte, steht die ganze Feier über aufrecht, in großer Generalsuniform, der älteste, beste Soldat der Armee, der König, der über die Schlachtfelder von Königgrätz, Gravelotte und Sedan geritten, der in Paris eingezogen, der Deutschland geeinigt, den jetzt unendlicher, herzlicher Jubel grüßt, der alle Musikfanfaren übertönt: „Es lebe der Kaiser!"
  3. Es war ein guter, herzerfreuender Anblick, den Neunzigjährigen so zu schauen, wie er, die Spitze und Blüte des Reiches, dastand unter seinen Getreuen, den Trägern so edler Namen, den Besten aus dem Volk, die fast all: ohne Ausnahme redlich mitgearbeitet an dem großen Werk seines Lebens, der Wiederaufrichtung Deutschlands. Der Sängerchor von zweihundert Sängern und Sängerinnen hub an; und als sie verstummt waren, da neigte sich Herr von Bötticher tief vor dein kaiserlichen Herrn um die Erlaubnis bittend, die Urkunde verlesen zu dürfen, betreffend die Inangriffnahme der Kanalarbeiten, von der eine Abschrift in den Stein gelegt werden sollte, gleichzeitig mit je einem Exemplar der Gesetze, in denen die Bewilligung der Mittel ausgesprochen war, jener hundert und sechs und fünfzig Millionen, von denen Preußen auf eigene Rechnung fünfzig Millionen vorweg zahlt, weil der Kanal durch preußisches Gebiet geht, ferner einer Vorgeschichte des Kanals und einem vollständigen Satz aller zur Zeit gültigen Reichsmünzen.
  4. Nachdem der Minister geschlossen, trat der Kaiser vor, langsam und sicher bis dicht an den Grundstein vorschreitend. Der bayerische, stimmführende Bevollmächtigte zum Bundesrat überreichte dem Reichsoberhaupt die Maurerkelle: „Dieselbe Hand, welche die Fürsten und Völker Deutschlands zu ewigem Bunde geeinigt, soll den ersten Stein legen zu dem Bau, der die deutschen Meere verbindet!"
    S. Majestät nahm aus zierlicher Mulde dreimal Mörtel mit der Kelle und warf ihn auf die Fugen der mittlerweile aufgesetzten Verschlußplatte. Da trat schon der Präsident des Reichstages vor und überreichte den Hammer unter kurzem Wort; der Kaiser nahm ihn, entblößte sein ehrwürdig Haupt und tat drei klingende Schläge mit dem laut von seinen Lippen schallenden Segensspruch: „Zu Ehren des Deutschen Reiches!" Und noch einmal ergriff die kaiserliche Hand, die Szepter und Schwert so meisterlich geführt, den Hammer und ließ ihn dreimal niederfallen im Namen der Kaiserin und Königin. Dann wandte sich der Kaiser und trat an seinen Platz vor den Bug des Schiffes zurück. Schnellen Schrittes, mit sporenklingendem Gang trat da ritterlich, jugendkräftig, ein eleganter schneidiger Reiteroberst, der damalige Prinz Wilhelm vor, jetzt der dritte Kaiser des Reichs, in der glänzenden Uniform seiner Gardehusaren, und tat drei kräftige, rasche, klingende Schläge, mit lauter Stimme dazu rufend: „Im Namen Seiner Kaiserlichen und Königlichen Hoheit des Kronprinzen! Und dann noch drei Schlage für sich selbst, den einstigen Beherrscher des mächtigsten Reiches der Welt.
  5. Prinz Oskar von Schweden, der Kommandant der neben unseren Panzern paradierenden „Edda", danach; dann unser Prinz Heinrich, sonnenverbrannt im wackern, rastlosen Dienst zur See und dann zu nicht endender Reihe die anderen alle, und als der letzte Schlag verklungen, da betrat der Oberhofprediger die Kanzel und sprach das Wort der Weihe: "An Gottes Segen ist alles gelegen! Diese Weisheit soll der Söhne Erbteil bleiben. Der Kirche und Schule stille Arbeit im Bilden und Bauen, der redliche Fleiß am Steuer, Hammer und Pflug, die deutsche Unternehmungskraft auf Märkten und in Häfen; die Waffen unseres Heeres und die Flagge unserer Flotte, deren Anker im deutschen Herzen Grund gefunden hat: das alles sei heute in feierlicher Stunde aufs neue in die Obhut Der göttlichen Barmherzigkeit gestellt. Wenn die Wogen der Ostsee und der Nordsee ineinander rauschen werden, dann soll auf ihr Frohlocken unsere Antwort sein: Nicht uns, Herr, nicht uns, sondern deinem Namen gib Ehre!"
  6. Und kaum war das Amen des Segens und der letzte Ton des großen „Hallelujah" verklungen, da rief es mit starker Stimme: „Seine Majestät der Kaiser und König, unser allergnädigster Herr, er lebe hoch!" — Und brausend, wetternd klang der tausendtönige Ruf hin über die so geweihte Stätte künftiger Arbeit, hin über die blaue, aufrauschende Meerbucht, und im machtvollen Chor klang es weiter — oben sang der Student und senkte seine Fahne, unten sang der Minister und der Prinz des Kaiserhauses: „Heil Dir 'im Siegerkranz, Heil-Kaiser Dir!" Das war das Lieb von den Schlachtfeldern, über die der Kaiser geritten: damals sangen's am Boden liegend die Verwundeten mit, wie die Sturmmusik es anstimmte, das alte Preußenlied, damals sangen's Troßknecht und General im verfliegenden Pulverdampf der Schlacht. Bei Holtenau dort klang es am Tage des Friedens und über ein Werk des Friedens, aber ich habe da Tränen im Auge manches wetterfesten Offiziers gesehen, dessen kommandogewohnte Stimme unterm Singen leicht zitterte, wie aller Blicke auf dem Kaisergreis ruhten.
  7. Es wehte stark, recht stark sogar in die weitaus fliegenden Banner und Wimpel. Der Hafen zeigte auch nicht das klare, helle Blau des ruhigen Tages, sondern rauschend und spülend zog manche krause See daher. An der Landungsbrücke lag die kleine, zierliche, schlanke „Pommerania", aber es war ganz unwahrscheinlich, daß Se. Majestät sich ihrer bedienen würde; viel wahrscheinlicher, daß er den bequemen Landweg im Wagen vorziehen dürfte. Aber wer je mit der Bequemlichkeit Kaiser Wilhelms rechnen wollte, der verrechnete sich trotz der neunzig Jahre des Herrschers. Er befahl, er wollte auf der „Pommerania" die Parade über die Flotte abnehmen. Zwischen einem Spalier von Marineoffizieren und Kadetten hindurch schritt Majestät über die Brücke; am Mast des Schiffspavillons geht die Kaiserstandarte nieder und geht dafür am Großmast der „Pommerania" auf, und unter jubelnden Grüßen der Festgäste macht das Schiff von der Brücke los.
  8. Auf Deck steht, unermüdet, der alte Kaiser und sieht den weiten Bogen seiner Schiffe, der als unter feiner Regierung gebauten, vor sich ausgedehnt, wie sie im Schmuck der Flaggen daliegen. Auf den schneidigen Torpedobooten, von denen die Hälfte unter Prinz Heinrichs Befehl gestellt ist, steht die geringe Besatzung achtern ausgerichtet. Die Boote schwarz wie schwimmende Särge, die Leute weiß von Fuß bis zu Kopf. Und kaum ist der Kaiser vorbei, da saust auch Prinz Heinrichs Division los, und wie flinke Wale spielen die eisernen, flinken Boote in gewandtem Manöver als kriegerisch Ehrengeleit um das Kaiserschiff. Jetzt steigt aus der Batterie des „König Wilhelm", des stärksten unserer Panzerriesen, eine weiße Wolke auf: dumpf dröhnt ein Schuß übers Wasser; und wieder erheben sie dreiunddreißigmal die ehernen Stimmen zum Gruß für den obersten Kriegsherrn, die guten, schweren Geschütze, die gar so ernsthaft werden können auf sein Geheiß. Im ganzen wurden als letzter Abschiedsgruß der Flotte für den abschiednehmenden Helden zweimal je 561 Schuß, also zusammen 1122 Schuß an jenem Tage verfeuert. Und die 33 Schuß je innerhalb 5 Minuten; aber wo der Kaiser gerade vorüberfährt, da scheiden sie aus mit Schießen, dafür entert's auf in allen Wanten und „legt aus" und paradiert auf den Raaen. So grüßt der Seemann feinen Herrscher; und eine edle, stolze Art des Grußes ist es: Aus den verziehenden Pulverwolken heraus schallt von oben aus all' den jungen Seemannskehlen markig und mächtig das dreifache „Hurra!" hinüber zur „Pommerania".1

Siehe auch:

© Bert Morio 2017 — Zuletzt geändert: 05-10-2017 18:16


  1. Hemprich, Karl: Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart, S. 123-126.