Holtenauer Geschichte

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Herbert Torsten

Das folgende Interview wurde im Rahmen des Arbeitskreises PRO Holtenau mit Herbert Torsten geführt:

ProHo: Viele Holtenauer erinnern sich bei Ihrem Namen an alte Zeiten. An Ihrem kleinen Kiosk konnten wir als Kinder damals nicht vorbeigehen und haben uns auf unserem Weg zur Badeanstalt mit reichlich Naschies eingedeckt. Waren noch Groschen übrig, dann gab es auch noch ein Eis nach den Badefreuden. Seit 1995 wird unser Lieblingskiosk nun nicht mehr betrieben und gerne würden wir erfahren, wie alles einmal anfing und wie es Ihnen heute geht.

H. Torsten: Aus Danzig vertrieben, sind wir nach dem Kriege nach Kiel gekommen. Ich war damals neun Jahre alt. Mein Vater, Albert Torsten, war Polizeimeister und bekam eine Arbeitsstelle bei der Wasserschutzpolizei auf der Schleuse. Bis 1952 habe ich die Holtenauer Grundschule besucht und pflege heute noch Kontakt zu meiner geschätzten Lehrerin, die damals mit Mädchennamen Fräulein Vettern hieß.

Herbert Torsten 2003 Abb.: Herbert Torsten im Jahr 2003. Aus dem ehemaligen Kiosk ist inzwischen ein kleines Häuschen geworden.

ProHo: Nachdem Sie die Schule verlassen haben, hieß es einen Beruf zu finden. Für Sie doppelt schwer, da Sie von Geburt an spastisch gelähmt sind. Wie haben Sie das alles geschafft?

H. Torsten: Das will ich Ihnen sagen: Dazu gehört ein sehr, sehr starker Wille. Wie die Behinderten im Rollstuhl, die bei der Olympiade mitmachen, habe ich immer gekämpft. Aber natürlich hatte ich auch Glück und Hilfe von anderen, denn es war schwer, aufgrund meiner Behinderung überhaupt Arbeit zu finden. Meinen Kiosk habe ich u. a. Christian Stark zu verdanken, der damals hier am Tiessenkai einen Betrieb für Schiffsreparaturen hatte.
Eines Tages hat er zu mir gesagt: Herbert, zähl’ mal die Schiffe am Tiessenkai. Ich dachte, er wollte mich auf den Arm nehmen, ging aber trotzdem an den Kai und zählte Schiffe. Als ich dann Bericht erstattete, dass dort 60 Schiffe lägen, stellte er ganz trocken fest: Sieh’ste und die brauchen alle eine Zeitung, ein Stück Schokolade und Zigaretten. Und so hat er mir den Floh mit dem Kiosk ins Ohr gesetzt. Auch von Klaus Grimm, dem Kohlenhändler, bekam ich Hilfe. Er transportierte mir einen alten Hühnerstall von Friedrichsort nach Holtenau und ein Zimmermann aus dem Flüchtlingslager am Tiessenkai half mir dann, den Stall als Kiosk umzubauen.

ProHo: So entstand also der erste Kiosk am Tiessenkai. Wann war das und wie ging es weiter?

H. Torsten: Das war 1959. Es war ein schöner Kiosk, nur innen im Sommer reichlich heiß, bis zu 40 Grad. Es gab damals noch kein Isoliermaterial, das bekam ich erst so ab 1965. Als 1970 mein Vater verstarb, verkaufte ich die elterliche Wohnung in der Wik, zog in eine Gartenlaube in Holtenau und baute einen neuen Kiosk. Das elterliche Erbe reichte dazu jedoch nicht ganz aus und ich musste mich verschulden. Auch hier unterstützte mich wieder ein guter Mensch, der Holtenauer Kriminalbeamte Herr Pieper. Innerhalb von fünf Jahren hatte ich aber alles abbezahlt.

Herbert Torsten Abb.: Herbert Torsten Anfang der 1960er Jahre. Im Hintergrund das Kanalpackhaus.

ProHo: Fast 35 Jahre, bis 1995, haben Sie den Kiosk betrieben und sicherlich viele Erinnerungen. Hatte ein Ereignis für Sie eine besondere Bedeutung?

H. Torsten: Ich werde nie den Tag vergessen, an dem ich überfallen wurde. Es war der Tag der Deutschen Einheit. Ein angetrunkener Mann kam rein und würgte mich. Ich konnte mich doch nicht wehren! Er wollte Geld und sagte: Du bist ein feiner Kerl, aber jetzt musst Du sterben. Wenn nicht zufällig meine Krankenschwester Annemarie zur Tür hereingekommen wäre, dann wäre ich wohl nicht mehr am Leben. Der Mann lief weg und wurde später auch geschnappt.

ProHo: Seit neun Jahren haben sie viel freie Zeit. Haben Sie Hobbies?

H. Torsten: Einmal in der Woche fahre ich zum Einkaufen nach Friedrichsort. Ja und dann habe ich ein großes Hobby: Kochen. Gelernt habe ich es über das Fernsehen, Kochkurse auf Video aufgenommen und nachgekocht. Mit Saucenmachen bin ich angefangen und mag am liebsten Königsberger Klopse.

ProHo: Sind Sie einsam, Herr Torsten?

H. Torsten: Natürlich habe ich 30 Fernsehprogramme und wenn ich aus meinem Fenster schaue, dann ist hier, vor allen Dingen im Sommer, immer was los. Ich verlebe hier in meinem Haus einen schönen Lebensabend - aber auch sehr einsam, das muss ich zugeben. Da ich ja bereits eine Behinderung habe, benutze ich die Einsamkeit als Nervennahrung.

ProHo: Vielen Dank, Herr Torsten, für diesen Einblick in Ihr Leben, welches Sie in bewundernswerter Art und Weise meistern.

© swg - Arbeitskreis PRO HOLTENAU 2003

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Der ehemalige Kiosk, der inzwischen fast zu einem richtigen Wohnhaus aus Backsteinen mutiert war, wurde inzwischen leider abgerissen. Warum igentlich?

Siehe auch:

© Bert Morio 2016.