Holtenauer Geschichte

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Der Eiderkanal als Wirtschaftsfaktor

Der Einfluß des Eiderkanals auf die Holtenauer war - ganz im Gegensatz zum späteren Kaiser-Wilhelm-Kanal -  verschwindend gering - sieht man von der Vermietung von Pferden für das Treideln der Schiffe und dem Bau des Kanaldistriktes, der damals allerdings noch einen guten Kilometer östlich des Dorfes lag, einmal ab.

Mündung des Eiderkanals Abb.: Die Mündung des Eiderkanals bei Holtenau. Links die Gebäude des Kanalpackhaus­ensembles.

Aber auch für die dänische Staatskasse rentierte sich das Kanalprojekt im Grunde nicht. Die großen Hoffnungen, die man in den neuen Schifffahrtsweg gesetzt hatte, erfüllten sich nicht, wobei jedoch anzumerken ist, daß sowohl die Entwicklung des Kanalverkehrs als auch seine Rentabilität weniger von der realen Wirtschaftsentwicklung in der Region und in den Anrainerstaaten abhingen, sondern vor allem durch die jeweilige innerdänische und die nordeuropäische Politik bestimmt wurden. Innerdänisch, weil der Eiderkanal weiterhin mit der Fahrt um Skagen konkurrierte, auf die Dänemark seit alters her den so genanten Sundzoll erhob. Hier hatte eine Veränderung der Höhe einen direkten Einfluß auf Zu- oder Abnahme der Kanalpassagen. Europäische Faktoren waren beispielsweise die Konti­nental­sperre zur Zeit der Napoleonischen Kriege, die Schleswig-Holsteinische Erhebung von 1848, die Eingliederung Schleswig-Holsteins in das Königreich Preußen nach dem Deutsch-Dänischen Krieg oder der Deutsch-Französische Krieg.

Im Jahr 1805 leitete die Holländisch-ostindische Kompagnie wegen der Kontinentalsperre alle Waren durch den Eiderkanal nach Kopenhagen. Zu dieser Zeit waren die drei Packhäuser so überfüllt, daß die Waren größtenteils draußen im Freien gestapelt werden mußten. Die Bauern ließen ihre Felder brach liegen, weil sie durch die vielen Fuhrgeschäfte mehr Geld verdienen konnten als mit der Landwirtschaft.

In den Jahren bis 1864 machte der Eiderkanal Gewinne in einer solchen Höhe, daß es zu einer Verzinsung des Anlagekapitals von 2-2,5 % kam (die Nettorendite betrug ca. 50.000 Reichs­taler). Nach 1867, d. h. unter preußischer Kontrolle, betrugen die jährlichen Einnahmen jedoch noch nicht einmal mehr die Hälfte der Unterhaltungskosten.

Wenn sich auch die Bruyn’sche Voraussage in seiner ’Aufforderung an meine Mitbürger, sich am Kanalhandel zu beteiligen’, daß sich durch den Bau des Kanals in den anliegenden Orten eine wesentliche Industrie durch die billigen Einkaufs­möglichkeiten von Rohstoffen entwickeln würde, als falsch erwies, so mag dies daran liegen, daß Dänemark durch seine Kanalpolitik eine derartige Entwicklung verhinderte. Fest steht jedoch, daß sich neue Handelswege für die Herzogtümer öffneten.1

Unglücklicherweise war es gerade der Kieler Raum, der vom Eiderkanal am wenigsten profitiert hat - ganz im Gegensatz zu Städten wie Rendsburg oder Tönning. Zwar erwartete man in Kiel einen Aufschwung des Handels und stellte daher auch Grundstücke für Magazine und Werften auf Kieler Gebiet unentgeltlich zur Verfügung, doch fehlte den Kieler Kaufleuten anscheinend die Initiative, die seitens der Regierung gebauten Packhäuser selbst zu erwerben, so daß diese Gefahr liefen, in den Besitz fremder Handelsstädte zu gelangen. So wurde beispielsweise seitens der Kieler Kaufmannschaft argumentiert, daß das Holtenauer Kanalpackhaus mit fünf Kilometern zu weit von der Stadt entfernt läge und es daher schlecht zu beaufsichtigen und zu verwalten sei. Zudem sei das Schicksal der Stadt Kiel zu ungewiß und eine starke Konkurrenz Rendsburgs zu erwarten.

Auch die bekannte Firma Zerssen war beispielsweise in Holtenau bis 1894 nur durch einen Agenten vertreten und baute erst im Jahr 1895 in der Kanalstraße ein Wohn- und Kontorhaus. Schon zwei Jahre später waren in dieser Niederlassung bereits 5 Angestellte beschäftigt.

Scheinbar hatte der Eiderkanal eine gewisse Belebung der Kieler Werftindustrie zur Folge, wenn auch kaum neue Werften errichtet wurden. Es mußten nicht nur die den Kanal befahrenden Schiffe repariert werden, sondern in erster Linie Schiffe gebaut werden, die bei geringem Tiefgang eine optimale Ausnutzung des Schiffsraumes ermöglichten. Diese Schiffe waren daher behäbige Lastensegler mit geringem Tiefgang und breiten, runden Formen, wie sie in dieser Art seit jeher auf den holländischen Kanälen in Gebrauch waren.

Wenig profitiert durch den Kanal hat auch sein Hinterland, was möglicherweise daran gelegen haben mag, daß der Kanal nicht mit anderen bedeutenden schiffbaren Gewässern in Verbindung stand. Auch Holtenau blieb trotz seiner günstigen Lage an der Mündung des Eiderkanals ein bäuerlich strukturiertes Dorf. Es ist lediglich bekannt, daß sich einige Familien am Auberg ansiedelten und durch den Kanal Beschäftigung fanden.

Siehe auch:

© Bert Morio 2016 - Zuletzt geändert: 18-01-2017 16:29


  1. Pentz [1951], S. 51.