Holtenauer Geschichte

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Die Neuen Holtenauer Schleusen

Die südlich der alten Schleusenanlage im Zuge der Kanalerweiterung von 1907-14 erbauten Neuen Schleusen hatten so gewaltige Ausmaße, dass sie die zu damaligen Zeit größten Kriegsschiffe aufnehmen konnten. Es hatte sich schon bald nach Fertigstellung des Kaiser-Wilhelm-Kanals gezeigt, dass sowohl der Kanal selbst als auch die Schleusenanlagen unterdimensioniert waren.

In der Neuen Schleuse 1933 Abb.: Ein deutsches Linienschiff in den Neuen Schleusen im Jahr 1933. Im Hintergrund sieht man die Kanalfähre am Holtenauer Anleger und die Bebauung der Kanalstraße, an deren Ende man noch die Bauernstelle Bansee erkennen kann. Die Auffahrt zur Prinz-Heinrich-Brücke ist mit Bäumen bepflanzt.

Es wurden zwischen 1909 und 1912 Schleusenkammern mit 330 m Kammerlänge, 45 m lichter Breite und 14,10 m Sohlentiefe gebaut. Die Neuen Holtenauer Schleusen wurden am 14. Juni 1914 eingeweiht und waren zu dieser Zeit die größten Schleusen der Welt. In Gegensatz zu den Stemmtoren der Alten Schleusen werden hier Schiebetore verwendet, deren Unterseiten auf kleinen Wagen über den Grund der Schleusenkammer gezogen werden.

Einweihung der Neuen Schleusen Abb.: Die Einweihung der Neuen Schleusen in Holtenau durch die SMY Hohenzollern.

Der Einweihung der Neuen Schleusen folgte nur wenige Monate später der Ausbruch des Ersten Weltkrieges, in dem die gewaltigen Schleusen und der ausgebaute Kaiser-Wilhelm-Kanal niemals die strategische Bedeutung gewannen, für die sie geplant worden waren, denn abgesehen von der Schlacht am Skagerrak im Jahr 1916 blieb die deutsche Hochseeflotte fast die gesamte Kriegszeit über in ihren Häfen liegen.

Kriegsflotte auf Reede vor Holtenau Abb.: die Kriegsflotte auf Reede vor Holtenau.

Der folgende Text des Kanallotsen W. Schimanski, der Augenzeuge der Einweihungs­feier­lichkeiten für die neuen Holtenauer Schleusen war, aus dem Juni 1954 ist eine Abschrift und findet sich in einem Buch des Holtenauer Lehrers Petersen aus dem Jahr 1952:

Vor 40 Jahren Einweihung der neuen Ostseeschleusen.

Die Kaiseryacht “Hohenzollern”, gefolgt von dem Begleitboot “Sleipner” liefen am Mittwoch, den 24. Juni 1914 von Brunsbüttelkoog kommend, um 13,15 Uhr in die neue Südschleuse ein. Von der Kommandobrücke aus dankte der Kaiser durch Salutieren für die ihm vom Land aus gebrachten Ovationen und begab sich nach dem Fest- machen mit Gefolge auf die Mittelmauer zwischen den beiden Schleusen. Hier wurde S. M. durch die Tochter des Kanalpräsidenten Dr. Kautz ein Blumenstrauss mit den Worten überreicht:

Im Frieden Schutz für Handel und Verkehr, Im Kampf ein starkes Glied der deutschen Wehr, Mit diesen Blumen wünsche ich zugleich Es bringe Glück das Werk dem Deutschen Reich!

Der Kaiser dankte für die Blumenspende mit freundlichen Worten. Anschließend wurden den am Erweiterungsbau des Kanals und den neuen Schleusen beteiligten Herren für ihre verdienstvolle Arbeit Orden verliehen. [...]

Der eigentliche Festakt der Indienststellung der neuen Schleusen vollzieht sich beim Verlassen des Schiffes aus der Schleuse durch Zerschneiden des Bandes.

Zur Aufrechterhaltung der Ordnung auf dem Festplatz, zur Kontrolle der Einlasskarten und Überwachung an- und ablegender Boote, die Festteilnehmer auf dem Wasserwege herbeibrachten, waren die 6 jüngsten Lotsen (damals noch Beamte, die auch als Hilfspolizeibeamte und Hilfszollbeamte vereidigt waren, wozu auch ich gehörte) als Ordnungspolizei eingesetzt.

Das über die Südschleuse gespannte schwarz-weiss-rote Band bestand aus einem etwa 30–40 m langen Leinensack, der durch zwei Wurfleinen nach oben und unten ausgespreizt wurde. Der auf dem Mittelleitwerk postierte Lotse Schimanski hatte die begehbaren Leitwerke räumen lassen, erstellte sich nun an dem Poller auf, an dem die oben beschriebenen Wurfleinen befestigt waren, um nach dem Zerschneiden des schwarz-weiss-roten Bandes durch die “Hohenzollern” die restlichen Stücke vor unberufenen Händen zu bewahren.

Als die “Hohenzollern” ablegte, beorderte Seeoberschleusenmeister Hugo E. – ein waschechter und kaisertreuer Berliner – einen Schleusenarbeiter mit dem Auftrag an diesen Poller, damit die Wurfleinen und damit das schwarz-weiss-rote Band nicht unnötig zerrissen wurden, da es etatsmäßige Leinen waren, und er den Verlust derselben durch Protokoll melden müsse, welche Arbeit er sich ersparen wolle.

Damit fühlte ich mich von meiner freiwillig übernommenen Aufgabe entbunden. Doch hatte ich – vielleicht als einziger – beobachtet, dass S.M. (ganz oben am Peilkompass stehend) das Zerschneiden des Sperrbandes verfolgen wollte und sich zu diesem Zweck über das Geländer bog, aber um diesen Genuss gebracht wurde, was ihm offenbar zu missfallen schien.

Ein Blick “hinter die Kulissen” ist oft vergnüglich.

Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es Planungen für noch gewaltigere Schleusenanlagen um die damals in Planung befindlichen deutschen Superschlachtschiffe aufnehmen zu können (siehe in der Tabelle unten Spalte "KWK 1939"!), die im Rahmen des so genannten Z-Planes entstehen sollten.

Tabelle: Vergleich der Kanalabmessungen.


Eiderkanal KWK 1895 KWK 1914 (KWK 1939*) NOK 1967 geplanter Ausbau
Sohlenbreite: 15,5 22 44 74 90 70
Wasserspiegelbreite: 27,5 67 103 165 162
Tiefe: 3 9-10,3 11 13 11 12,5**
Schleusenlänge:
150 330 400 330
Schleusenbreite:
25 45 60 45
Schleusentiefe:
9,57-9,97*** 13,8 15 13,8

    *) Wegen des Kriegsausbruchs kam es nicht zur Verwirklichung dieser Pläne (siehe Z-Plan).
  **) Gilt für die gesamte Kanalstrecke.
***) Wegen der größeren Schwankungen der Wasserstände bei Brunsbüttel.

Inzwischen wird in Zeiten immer größerer den Kanal durchfahrender Containerschiffe (den so genannten Feeder-Schiffen) wieder an einer Erweiterung der Schleusenanlagen (voraussichtlich in Form einer fünften Schleusenkammer) geplant.

Siehe auch:

© Bert Morio 2017 — Zuletzt geändert: 22-09-2017 06:33