Holtenauer Geschichte

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Der Bau des Kaiser-Wilhelm-Kanals

Wie auch beim Bau des Eiderkanals stellte der Bau des Kaiser-Wilhelm-Kanals eine große ingenieurtechnische Leistung dar. Zwar wurde hier noch vieles von Hand gemacht und Tausende von Arbeitern aus vielerlei Ländern beschäftigt, aber es wurden gleichzeitig die damals modernsten Maschinen in großem Umfang eingesetzt.

Dampfbagger um 1910 Abb.: Dampfbagger um 1910 während der Kanalerweiterung. Im Hintergrund die Kanalstraße, das zweite Haus wohl das von Lucht.

Aus heutiger Sicht wohl am erstaunlichsten ist jedoch die Tatsache, daß der geplante Kostenrahmen nicht gesprengt wurde, bedenkt man zudem die Tatsache, daß mit dem Bau in vielerlei Hinsicht technologisches Neuland betreten wurde.

Barackenlager bei Holtenau 1889 Abb.: Barackenlager für die Kanalarbeiter bei Holtenau im Jahr 1889. In der Mitte der Gebäude ist ein Kirchturm zu erkennen.

In der Bauphase von 1887 bis 1895 waren bis zu 8900 Menschen, 56 Trocken- und Naßbagger, 90 Lokomotiven und 2500 Kippwagen am Kanalbau beteiligt und es wurden ca. 80 Millionen m² Erdreich bewegt. Eine vollständige Aufstellung für den Zeitraum bis zum Jahre 1892 listet folgendes auf:

Zur Fertigstellung dieser Arbeiten sowie derjenigen an den Uferdeckwerken und den Hafen- und Schleusenbauwerken sind durchgehend thätig gewesen: 20 Trockenbagger, 42 Naßbagger, 65 Lokomotiven, 38 Dampfpumpen, 10 Handpumpen, 5 Beton- und Mörtel-Maschinen sowie 13 sonstige Maschinen, 1 787 Transportwagen, 662 Muldenkipper und Schiebkarren, 28 Dampfboote (Bereisungsboote) 37 Schleppdampfer, 11 Dampfprähme, 123 Transportprähme (Schuten), 4 Dampframmen, 3 Zugrammen, 6 Dampfkrähne und 12 Handkrähne, 284 Aufsichtsbeamte, 548 Maschinisten und Heizer, 512 Schiffer, 987 Handwerker, 90 Vorarbeiter und 4 665 Arbeiter und Handlanger, im Ganzen durchschnittlich 7 086 Personen Die größte Anzahl der beschäftigten Personen betrug in den Monaten Juni-Juli 8 893 und die kleinste Anzahl in den Wintermonaten December-Januar 4 760. [...] Zur Bewältigung der mannigfachen für die Aufsichtsbehörde mit diesen großartigen Bauausführungen verbundenen Arbeiten, sowie zurBetriebsführung der Baracken und sonstigen Einrichtungen waren bei der Kaiserlichen Canal-Commission und den derselben unterstellten Dienststellen im laufenden Berichtsjahre durchschnittlich beschäftigt: 3höhere Verwaltungsbeamte, 59 höhere Baubeamte einschließlich Ingenieure, 4 Landmesser, 60 Bauaufseher, 27 Zeichner und Vermes­sungs­gehülfen, 73 Büreaubeamte, 6 Baracken-Inspectoren, 46 Baracken­verwalter, Gehülfen und Köche, 12 Krankenwärter, 1 Werkmeister, 33 Baggermeister, Schiffs­führer und Maschinisten, 3 Telegraphenaufseher und 5 Schleusen- und Brücken­meister.

Folgte der neue Kanal auch auf weiten Strecken dem Eiderkanal, so mußte insbesondere der Abschnitt zwischen dem Auberg und Gut Knoop / Gut Projensdorf begradigt werden. Beider­seits der Baulinie wurde ein ca. 20 Meter breiter Streifen abgegrenzt, um eine ungehinderte Bauausführung zu gewährleisten.

Schaufelradbagger Abb.: Schaufelradbagger auf dem Kaiser-Wilhelm-Kanal.

An der Mündung des Eiderkanals gingen insbesondere die dortigen Salzwiesen verloren, da hier die heutigen Alten Schleusen entstanden. Besitzer dieser Gebiete waren die Hufner Johann und Gustav Schmidt, Reuter, Friedrich Schmidt und im Gebiet des Aubergs der Ziegeleibesitzer Hans Chr. Rathmann, der hier eine Ziegelfabrik betrieb.

Arbeiter einer Dampframme Abb.: Arbeiter einer Dampframme.

Die gesamte projektierte Kanalstrecke wurde in 4 so genannte Bauamtsdistrickte unterteilt, jeweils unter der Oberleitung eines Bauamtsinspektors, dem weitere Baubeamten unterstellt waren. Für die Oststrecke vom Kanalkilometer1 65,15 bis zur Kieler Förde war das Bauamt IV unter dem Wasserbauinspektor Leo Sympher zuständig. Diese Strecke war insofern ein beson­ders schwerer Abschnitt, weil hier die Bauarbeiten mit dem Verkehr auf dem Eiderkanal koordiniert werden mußten.

Weiterhin mußte die Wasserspiegelsenkung der Obereider bewerkstelligt werden. Während die Bauämter die Durchführung des Kanalbaus zu überwachen hatten, erfolgte die Ausführung selbst durch private Unternehmer. Für die Erdarbeiten wurden für die gesamte Kanalstrecke 15 Loose ausgeschrieben und bis zum Sommer 1888 an die Bauunternehmen übertragen. Auf den letzten 10 Kanalkilometern erhielten die Firmen Phillip Holzmann & Co. aus Frankfurt und L. Degen & D. Wiegand aus Thorn (im heutigen Polen) bzw. Mainz den Zuschlag.

An den Erd- und Mauerarbeiten war auch die in Holtenau ansässige Firma Förster & Cordes beteiligt, die mit einem Auftragsvolumen von 5,2 Millionen Mark den sechstgrößten Auftrag erhielt.

Die Kanalarbeiter

Der Pomp und das Pathos der Grundsteinlegung, die kaiserlichen Besichtigungstouren während der Bauphase und schließlich die alles überragenden Eröffnungsfeierlichkeiten ließen die Zeitgenossen und lassen auch heute noch leicht vergessen, daß es – wenn sie auch das große Werk in Gang gesetzt hatten – nicht die hochgestellten Persönlichkeiten und gekrönten Häupter des Wilhelminischen Kaiserreichs waren, die das Bauvorhaben in die Tat umsetzten, sondern fähige Ingenieure und vor allem ein Heer von Arbeitern aus aller Herren Länder. Dieses Arbeiterheer änderte seine Größe je nach Bauphase und erreichte im Sommer 1892 mit knapp 8.900 Mann seine höchste Zahl.

Die Arbeiter standen im hierarchisch organisierten Wilhelminischen Kaiserreich auf einer der untersten sozialen Stufen und von vorne herein unter dem Generalverdacht der Sozialdemokratie oder sogar der Anhängerschaft zum Kommunismus. Schon während des kaiserliches Zuges durch Kiel im Rahmen der Grundsteinlegung war der größte Teil der Kieler Arbeiterschaft den Feierlichkeiten fern geblieben. Und wenn während des Kanalbaus von den Arbeitern die Rede ist, dann gewinnt man den Eindruck, daß sich die Obrigkeit vor allem damit beschäftigte, diese vom Alkohol fern zu halten.

Der ganze Kanalbau, die Unterbringung und die Versorgung der beschäftigten Arbeiter waren folglich militärisch durchorganisiert. Als Arbeiterunterkünfte wurden an der Baustrecke entlang mehrere durch Offiziere geleitete Barackenlager errichtet und dort wurde dann auch für die Verpflegung gesorgt. In Holtenau wurden Baracken für 300 Arbeiter in unmittelbarer Nähe der Schleusenbaustelle errichtet, womit Holtenau nach Brunsbüttel und neben Levensau zu den größten Lagern gehörte. Wie sehr man sich um das leibliche Wohl der Kanalarbeiter bemühte wurde in den amtlichen Mitteilungen des Kaiserreiches immer wieder hervorgehoben:

Für die beim Kanalbau beschäftigten zahlreichen Arbeiter ist in vorzüglichster Weise gesorgt. 36 musterhaft ausgeführte Baracken mit je 100 Betten bieten ihnen einen gesunden Aufenthalt. Außerdem befinden sich in einem großen Verwaltungsgebäude die Koch- und Gasträume, mehrere Verkaufsläden, sowie eine Speiseund Versamm­lungshalle, und alle Lebensbedürfnisse werden den Arbeitern zum Selbstkostenpreise geboten.

Neben der Unterbringung und Verpflegung wurde auch die medizinische Versorgung preußisch exakt organisiert, nicht zuletzt auch im Hinblick auf die bitteren Erfahrungen, die man während des Eiderkanalbaus gemacht hatte, als es zu einer Art Sumpffieberepidemie kam. So führte auch die Choleraepidemie, die 1892 in Hamburg ausgebrochen war, nur zu 3 Cholerafällen mit Todesfolge unter den Kanalarbeitern. Es wurden zur Sicherheit an fünf Stellen eigens “Choleralazarette” errichtet. Die Gesundheitsüberwachung lag in Händen des Marine-Oberstabsarztes Dr. Gutschow, der die Barackenlager und Arbeitsstellen vierteljährlich besuchte.

Weiterhin wurde eine Zwangskrankenkasse eingerichtet, zwei Lazarette gebaut und Abmachungen mit den nahe der Baustrecke gelegenen Krankenhäusern getroffen. All dieses hatte zur Folge, daß der Gesundheitszustand der Kanalarbeiter ganz anders als beim Bau des Eiderkanals außerordentlich gut war.

Auch die seelsorgerische Betreuung der Arbeiter durch Geistliche, die so genannten “Kanalbaracken-Geistlichen” war genau geregelt. Hier liegt auch die Keimzelle der Holtenauer Kirchengemeinde begründet.

Die Arbeiter kamen nicht nur aus Deutschland, sondern neben den nordischen Ländern auch aus Polen, Rußland und Italien. Es wurde 12 Stunden am Tag gearbeitet, unterbrochen nur von einer halbstündigen Mittagspause. Für die einfachen Arbeiter betrug der Stundenlohn 28 bis 32 Pfennige. Die Handwerker erhielten einen Stundenlohn von 45 Pfennig. Die Unterbringung in den Baracken, deren Beheizung, Beleuchtung sowie die tägliche Verpflegung kosteten 65 Pfennige pro Tag. Der tägliche Lebensunterhalt betrug damals etwa 1,20 Mark. Lebte ein Arbeiter also sehr sparsam, so konnte er täglich über 2 Mark zurücklegen.

Gleichzeitig gab es seitens der Baufirmen immer wieder Versuche, die Löhne zu drücken. So senkte eine Baufirma im Januar 1894 den Handwerkerlohn auf 35 Pfennig, woraufhin diese im Februar 1894 die Arbeit niederlegten. Schließlich wurde der Stundenlohn ab März 1894 wieder auf 42 Pfennig angehoben.

In jedem Barackenlager gab es eine Kantine, wo die Arbeiter zu günstigen Preisen zusätzliche Lebensmittel einkaufen konnten: hier kosteten eine große Flasche Bier 8 Pfennig, 250 g Wurst 15 Pfennig, der Liter Branntwein dagegen 80 Pfennig, wohl aus gutem Grund.

Die Bauverwaltung des Kanals selbst in Form der Kieler Kanal-Kommission verfügte über 340 Beschäftigte, von denen alleine 83 in der Barackenverwaltung tätig waren.

Schließlich war der Kanal mit einer Länge von 100 km, einer Breite von 67 Metern und einer Tiefe von 9 Metern fertiggestellt. Es wurden für die unterbrochenen Nord-Süd-Verbindungen zwei Hochbrücken bei Grünental und Levensau mit einer Durchfahrtshöhe von 42 Metern errichtet, dazu kamen weitere 5 Dreh- und Schwimmbrücken sowie 15 Kanalfähren, um die unterbrochenen Nord-Süd-Verbindungen wieder zu schließen.

Aus der Gartenlaube

Im Jahr 1889 berichtete die viel gelesene Zeitschrift Die Gartenlaube folgendes über die Bauarbeiten am Kaiser-Wilhelm-Kanal:

Wohin man schaut, überall rüstige Arbeit. Dort drüben hält einer jener Arbeitszüge unter der hohen Wand. Hier gerade wird noch mit der Hand geschafft, als Vorarbeit für den Trockenbagger, die Spaten und Hacken wirbeln auf und nieder, die Erdschollen fliegen, es ist ein emsiges, rastloses Thun in langer Reihe auf gelbem Erdhintergrund; farbig und dem Bilde Schmuck verleihend, leuchtet zwischen den grauen einförmigen Gestalten der Arbeiter einer und der andere auf in der rothen Jacke des Polacken. Die Lokomotiven pfeifen und keuchen, die vollbeladenen Züge rasseln dahin, der Bucht zu, die sich im Sonnenlicht vor uns dehnt: links die Reihe fröhlich grünender Linden vor dem alten Holtenauer Zollspeicher2, davor die schöne Germania, die einst auf dem Bug des Schiffes emporragte - des nachgemachten, vor dem an jenem Junitage der Thronsessel Kaiser Wilhelms I. stand - und die nun aus dem Grundstein steht, dem der greise Kaiser für seine Bestimmung, bei Beginn der Maurerarbeiten am Schleusenbecken als erster Stein versenkt zu werden, die Weihe gab.
Nahe dabei befindet sich der Obelisk mit der Krone, der als Denkmal der Einweihung des alten Kanals errichtet wurde, und der kleine Kiosk mit dem spitzen Dach, welcher früher als Zollhäuschen diente. Ganz im Vordergrunde der riesige Dampfbagger, dessen Paternosterwerk ohne Rast den „Mudd“, den Schlamm aus der Tiefe holt, da wo der Vorhafen einmal Panzerschiffe aufnehmen soll, und aus dem alten, vom neuvertieften Becken durch einen aufgeworfenen Damm geschiedenen Kanal die Kuffs und Ewer und Tjalks, die ihn von je befahren haben und lustig wie früher ein- und aussegeln; oben auf den Höhen links eine stattliche Kolonie neuerbauter Beamtenhäuser. Hier unter uns rasselt ein leerer Zug über die Schienen zurück; Lärm auf allen Seiten und weiße, aufsteigende, in sich wirbelnde Dampfwolken von stehenden und fahrenden Maschinen, in der Höhe und in der Tiefe grabende, karrende, hackende Männer, hin und her zerstreut in langen beweglichen unregelmäßigen Linien. Dort drüben fährt ein langer Zug einander folgender Handwagen auf leichtem Schienengeleis, von Männern geschoben. Der Inhalt der eisernen Kippkarren ist nicht grauer Thon oder gelber Lehm oder heller Sand: mit dunkler Torferde sind sie gefüllt, die da ausgegraben wird, wo früher eine grüne, saftige Wiese den alten Kanal hart an seiner Mündung begrenzte.
Es arbeiten zur Zeit bei Holtenau an 300 Arbeiter, auf der ganzen Baustrecke etwa 4600, von denen reichlich 3000 längs des ganzen Kanals in Baracken untergebracht sind. Unter der Gesammtzahl sind etwa 120 Ausländer. Nicht in den Baracken wohnen die Schmiede, Zimmerleute etc. Was den Leuten in den Baracken in jeder Beziehung geboten wird, ist geradezu mustergültig.
Man muß sich unter dem Namen Baracken nicht etwa ein unordentlich zusammengezimmertes oder verfallendes Bauwerk denken. Es sind auf der ganzen Linie hin aus festgefugten Brettern errichtete, braunroth getheerte, mit Pappe gedeckte, von einem Glockenthürmchen überragte, langgestreckte einstöckige Gebäude, die in luftige, helle, je zwei durch einen Ofen heizbare Stuben eingetheilt sind, in denen je acht Mann Unterkommen finden. Die eisernen Bettstellen sind zu je zweien übereinander angeordnet nach Art der Kasernenbetten, mit Matratze und Kopfpfühl, im Sommer mit einer, im Winter mit zwei blau und weiß bezogenen wollenen Decken und mit weißem Betttuch versehen. Die Wäsche wird alle vier Wochen gewechselt. Neben jedem Bett hängen die Handtücher, und je ein Schemel ist für jeden Mann bestimmt.
In den Holtenauer Baracken herrschte, als ich sie besah, tadellose Ordnung und Sauberkeit. Besonders dazu Angestellte machen die Betten, räumen auf und reinigen die Stuben und Geräthe. Im Winter wird der Zementfußboden mit durchlässigen Holzlatten überdeckt. Für etwaige bettlägerige Kranke ist ein besonderer Raum hergestellt, ein Arztzimmer fehlt nicht, und ebenso wenig ein Zimmer für die „Revierkranken“, die der Ruhe und der Absonderung bedürfen.
Auch eine Bade- und Duscheeinrichtung, einfach und praktisch, ist vorgesehen - aber merkwürdigerweise wird sie so gut wie gar nicht benutzt! Die Gesundheits­verhältnisse waren übrigens durchweg befriedigende. Und auch das Verhalten der Arbeiter ist bisher ein durchaus gutes gewesen. Selten daß wirkliche Ausschreitungen vorgekommen sind, und diese durchweg nur infolge von Trunkenheit - am Sonntag! Sonst machte es einen erfreulichen Eindruck, aus der ganzen Linie keinerlei besondere Sicherheits- und Ordnungsvorkehrungen anzutreffen. Ein einziger Gendarm ist mir bei meinen Kanalwanderungen begegnet, und mit Befriedigung bemerken beobachtende Augen, wie ganz abgerissen angekommene Gesellen allmählich in gutem und schützendem Zeug erscheinen. Die Post bei Holtenau hat reichlich mit Heimsendung von Geldern zu thun. Für regelmäßigen evangelischen und katholischen Sonntagsgottesdienst ist auch Sorge getragen. Dazu werden am Sonntagmorgen die Bänke des Speisesaals gegen das Rednerpult an der einen Querseite gekehrt, und oben von dem Glockenturme läutet man zur Kirche.
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Siehe auch:

© Bert Morio 2017 - Zuletzt geändert: 31-10-2017 07:06


  1. Die "Kanalkilometer" werden von Brunsbüttel aus gezählt. 

  2. = das Kanalpackhaus

  3. Gerhard Walter: Der Nordostseekanal im Herbst 1889, aus: Adolf Kröner [Hrsg.]: Die Gartenlaube, Leibzig 1889, S. 842-850.